junge Welt vom 01.12.2004

Mit der Geschichte nicht im reinen

Wie die Deutschen auf den 8. Mai des Jahres 1945 zurückblicken. Ein Streit um Worte und mehr im Vorfeld des 60. Jahrestages 2005

Kurt Pätzold

Mit dem Blick auf den 8./9. Mai 1945, von dem uns alsbald exakt sechs Jahrzehnte trennen werden, entbrennt erneut eine Debatte darüber, wie das Ereignis angemessen zu benennen sei. Die wieder auflebende Kontroverse darf als ein Zeichen dafür angesehen werden, daß die Deutschen mit diesem Datum ihrer Geschichte noch immer nicht im reinen sind. Dabei geht es nicht nur um Wörter, sondern um deren Bedeutung und um die Vorstellungen, die sich mit ihnen verbinden oder auch durch sie wachgerufen oder lebendig erhalten werden sollen. Manche Wahl bedient einzig gegenwärtige politische Interessen. Diese und nicht Schwierigkeiten des Erkennens und Beurteilens verursachen die Zählebigkeit eines Streits, der im deutschen Weststaat, der Bundesrepublik Deutschland, zunächst beendet zu sein schien, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 versuchte, die Bürger des Landes davon zu überzeugen, daß ihnen, auch wenn sie das nicht wußten und aufgrund ihrer eigenen augenblicklichen Lage nicht empfinden konnten, eine Befreiung widerfahren war.

Kriegsende

Die konkurrierenden Kennzeichnungen lauten: Kriegsende, Kapitulation, Niederlage, Zusammenbruch, Stunde Null, Besetzung, Befreiung. Es lohnt, jeden dieser Begriffe auf seinen Gehalt abzuklopfen, zumal keiner von ihnen gleichsam ohne Bodenberührung, ohne realen geschichtlichen Gehalt existiert. Keiner stellt eine bloße Erfindung zum Zwecke der Irreführung dar, wie das für die hierzulande nach wie vor gebräuchliche Bezeichnung Nationalsozialismus gilt, die von der faschistischen Bewegung und Diktatur in Deutschland benutzt wurde und vor allem ein Etikettenschwindel zu Werbezwecken war.

Das Wort Kriegsende ist als Bezeichnung für den denkwürdigen Maitag unstrittig. An ihm endete der Zweite Weltkrieg, allerdings nur in Europa. In Asien dauerte er fort, bis sich auch der japanische Imperialismus geschlagen geben mußte. Daß der Krieg, der am 1. September 1939 durch den Angriff des faschistischen Deutschen Reichs auf Polen ausgelöst worden war, zu einem Ende kam, hatte sich die Mehrheit der Deutschen seit längerem schon gewünscht. Freilich hatten sie von diesem Ende lange Zeit eine ganz andere Vorstellung. Zunächst glaubten sie an einen deutschen Sieg. Vor allem als Frankreich 1940 kapitulierte, schossen in Deutschland Hoffnungen auf ein nahes Kriegsende ins Kraut und zwar in einem solchen Grade, daß die Machthaber dem propagandistisch entgegenwirkten.

Als ein Jahr später der Überfall auf die UdSSR folgte, war der mit einer argen Enttäuschung über die Ausweitung und Verlängerung des Krieges verbunden, wenn auch nach den anfänglichen militärischen Erfolgen bald wieder Hoffnungen keimten, "es werde nicht mehr so lange dauern". Nach Stalingrad jedoch und mit den Rückzügen und Fluchten im Osten begann sich das Bild vom Kriegsende einschneidend zu wandeln. Bis es schließlich bis zu jener Haltung geriet: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Daß sich die Deutschen auf eine höchst ungewisse Zukunft einzustellen hatten und ihnen am "Tage danach" eine Rechnung präsentiert werden würde, die anders aussah als die des Jahre 1919, dessen waren sie sicher. Gerichtshöfe und Henker warteten auf diejenigen, die den Deutschen einpeitscht hatten, den Krieg "bis zum letzten Mann und zur letzten Patrone" fortzusetzen oder, wie Hitler es gesagt hatte, "bis fünf Minuten nach zwölf".

Kapitulation

Der Begriff bezeichnet einen anderen Aspekt des gleichen Tages. Wie oft hatte Hitler in Reden beschworen, "er", und das sollte auch immer heißen seine deutsche Gefolgschaft mit ihm, werde nie kapitulieren. Für ihn galt das, denn zuvor floh er aus aller Verantwortung. Anders seine Militärs unter dem Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz. Sie kamen nicht umhin, jene Kapitulation zu unterzeichnen, die ihnen seit dem Januar 1943 nach einer in Casablanca getroffenen US-amerikanisch-britischen Vereinbarung, der sich die UdSSR anschloß, angekündigt worden war, und vor der es kein Entkommen mehr gab: eine Kapitulation ohne Bedingungen (unconditional surrender). Die Urkunde bestimmte, daß das deutsche Oberkommando allen Streitkräften befehlen werde, am 8. Mai um 23.01 Uhr sämtliche Kampfhandlungen einzustellen, an ihren Orten zu verbleiben und ihre Waffen und alles Kriegsgerät unzerstört zu übergeben.

Der denkwürdige Ort, an dem die drei Vertreter des deutschen Oberkommandos das Papier zu unterzeichnen hatten, war Berlin-Karlshorst, wo sich heute ein Museum befindet. Natürlich hielt ein Filmstreifen, der später oft gezeigt wurde, die Szene fest. Für den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, den Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, einen der engsten militärischen Mitarbeiter Hitlers, war das bis auf weiteres der letzte öffentliche Auftritt. Den nächsten hatte er im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß.

Der letzte Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht, ausgefertigt am 9. Mai, suchte das klägliche und schändliche Scheitern der Welteroberer zu beschönigen. Sein Text sprach von einem "heldenhaften Ringen", von "großen Siegen" und "schweren Niederlagen", von "einmaliger Leistung von Front und Heimat". Was Wehrmachtspropagandisten, die damit ihre Arbeit beenden mußten, an geistigen Nebelwerfern noch besaßen, ließen sie feuern. Die Deutschen, die einst nach den Erfolgsmeldungen der OKW-Berichte gelechzt hatten, waren an dessen Inhalt inzwischen nicht mehr interessiert. In ihrer Mehrheit fragten sie sich, wie sie weiterleben könnten und müßten, wo sie eine Bleibe fänden und wie sie sich ernähren könnten. Millionen führte der Weg nach Osten und Westen in die Kriegsgefangenschaft.

Niederlage

Und diese Mehrheit, je stärker sie zeitweilig auf den Sieg gehofft hatte, empfand das Geschehen in der Tat als Niederlage, ärger als die des Kaiserreichs. Daran konnte niemand zweifeln. Denn als die Kriegshandlungen des Ersten Weltkrieges im November 1918 mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde im Walde von Compiègne in Frankreich zu Ende gegangen waren, befanden sich keine Soldaten der Gegner auf deutschem Boden. Die Front lag von der Reichsgrenze im Westen weit ab, und erst später wurden, in Übereinstimmung mit dem Wortlaut des Friedensvertrages von Versailles Teile des westlichen Reichsgebiets von militärischen Einheiten der Siegermächte besetzt. Nun aber waren die Gegner kämpfend bis ins Reichsinnere vorgedrungen. Ihre Truppen befanden sich in Berlin, München, Hamburg, Leipzig. Eine deutsche Regierung gab es nicht mehr oder, was sich dafür ausgab und an der dänischen Grenze etablierte, erhielt einzig eine Galgenfrist. So war es nicht einmal nach der preußischen militärischen Katastrophe im Jahre 1806 zugegangen, als Napoleons Truppen gesiegt hatten. Der Begriff Niederlage erhielt in der deutschen Geschichte einen neuen Inhalt. Er verband sich mit der zusätzlichen Kennzeichnung: total.

Untergang

Diese Charakterisierung dieses Kriegsendes als Untergang spielte im landläufigen Sprachgebrauch kaum eine Rolle. Doch tauchte sie in politischen und geschichtspublizistischen Veröffentlichungen auf, setzte sich aber auch dort nicht durch. Geschrieben wurde beispielsweise vom Untergang des Deutschen Reiches, das 1871 gegründet worden war; ein Bild, das die Wirklichkeit verfehlte. Denn dieses Reich war in der faschistischen Gestalt, die es seit 1933 angenommen hatte, mit einem geschichtlich beispiellosen Aufwand an militärischen und sonstigen personellen und materiellen Mitteln zerschlagen worden. Untergang - das Wort wurde diesen Anstrengungen nicht entfernt gerecht. Nachdem es sich nur noch marginal finden ließ, hat ein 2004 in die Kinos gelangter Film ihm wieder Leben eingehaucht. Doch selbst die wenigen Bilder, mit denen das Kriegsgeschehen in den Trümmern Berlins in den dramatischen April- und Maitagen in diesem Spielfilm gezeigt wird, machten deutlich, was wirklich geschehen war, und veranschaulichten die Unangemessenheit der Wortwendung vom Untergang, mit der gewöhnlich ein naturgeschichtliches Ereignis benannt wird.

Zusammenbruch

Die unter den Deutschen noch längere Zeit nach Kriegsende in Gesprächen gebräuchlichste Bezeichnung für das Geschehene lautete: Zusammenbruch. Noch rückblickend und als die schlimmsten Kriegsfolgen schon überwunden waren, wurde als feststehende und keiner weiteren Erläuterung bedürftige Zeitangabe die Redewendung "nach dem Zusammenbruch" gebraucht. Das war auf umgangssprachlichem Gebiet womöglich die deutlichste, fast ließe sich sagen verräterische Kennzeichnung des eigenen einstigen und keineswegs schon kritisch durchgearbeiteten Denkens, Wünschens und Hoffens. Denn: Was war da eigentlich zusammengebrochen? Das meinte nicht nur Häuser und Brücken, Wassertürme und Gasbehälter, Fabrikschlote und Förderanlagen, Kirchen und Theater. Auch nicht nur ein Staatswesen, das zwölf Jahre gedauert hatte, aber mit dem Anspruch auf 1000 Jahre angepriesen worden war. In Trümmern lag ebenso die Gedanken- und Gefühlswelt der Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Millionen empfanden schmerzlich, daß ihre Lebenspläne, die sie mehr oder weniger bewußt und eng an den Faschismus und Hitler verbunden hatten, restlos zerstört waren. Ratlosigkeit, Resignation, Depressionen und deren Folgen bis hin zu Selbstmorden charakterisierten die Stimmung und die Lage. Nur wenige konnten diesen Zusammenbruch schon als die geschenkte Chance eines Aufbruchs begreifen. Zunächst waren das nur jene, die als politische Gegner und Verfolgte das Ende der Nazizeit herbeigesehnt und versucht hatten, dieses Ende herbeizuführen oder es doch zu beschleunigen.

Stunde Null

Die Wortwendung und das einprägsame Bild von der Stunde Null ist in Sprache und Denken erst Jahre nach dem Kriege aufgetaucht, dann aber ist es populär geworden. Nicht zum geringsten durch Filme und Bücher, in deren Titeln diese Kennzeichnung verwendet wurde. In der DDR kam 1969 "Meine Stunde Null", die abenteuerliche Geschichte der Wandlung eines jungen Wehrmachtsoldaten, in die Kinos, ein Streifen, der bis heute von Fernsehsendern gelegentlich ausgestrahlt wird. Null - das markierte soviel wie die unterste der denkbaren Lebensstufen, einen Abstieg bis zu einem Punkt der Leere und des Unwerts, zugleich aber auch einen Standort, von dem aus es tiefer nicht mehr hinabging. Stunde Null kam in Gebrauch, als der damit bezeichnete Zustand schon Geschichte war und einzelne, Familien und andere Gemeinschaften mit neu erworbenem Verdienst auf eine einschneidende Wende zurückblicken konnten.

Indessen hat der Begriff, wird er allzu wörtlich genommen und auf die deutschem Zustände des Mai 1945 angewendet, auch einen mächtigen Haken. Die Geschichte kennt keinen Nullpunkt. Jeder ihrer Momente enthält Kontinuität und Diskontinuität, Fortgang und Wandel bis zum Bruch. So war das auch bei Kriegsende 1945. Dem einzelnen mochte es so vorkommen, als stünde er vor dem Nichts. Die Exponenten der sozialen Klassen und Schichten besaßen hingegen ihre Interessen, mehr oder weniger ausgereifte Pläne, modifizierte oder neue Ziele und selbst Vorstellungen von ihrer künftigen Strategie und Taktik. Verzweifeltes Dahindösen der einen war benachbart mit nüchternster Klarsicht von anderen.

Besetzung

Deutschland ist nach der Kapitulation von den Armeen der Siegermächte vollständig besetzt worden und auf Jahre hinaus besetzt geblieben. Es erhielt einen alliierten Kontrollrat mit dem Sitz in Berlin und in den vereinbarten vier Besatzungszonen Militärregierungen, ohne deren Zustimmung kein Schritt bei der künftigen Gestaltung des Landes gegangen werden konnte. Deutschland - wie anfänglich auch Österreich, doch dies erheblich kürzer - wurde ein besetztes Land. Diese Praxis entsprang dem Entschluß der vier Großmächte, Faschismus und Militarismus mit der Wurzel auszurotten und Deutschland für immer unfähig zu machen, seine nahen und fernen Nachbarn mit Krieg zu überziehen. Die Bestrebungen der Sieger, dahin zu gelangen und den Deutschen im Falle eines grundlegenden Wandels die Rückkehr in die "Völkergemeinschaft" zu ermöglichen, wiesen anfangs in die gleiche Richtung, wenn sie auch nach Inhalt und Methoden nicht gleich waren. Erst der Schritt in den Kalten Krieg schuf eine neue Situation, beendete unter anderem die juristische Verfolgung von Straftätern des Faschismus durch die Besatzungsmacht USA und ließ aus US-amerikanischen Gefängnissen Verurteile frühzeitig freikommen. Dies und vieles weitere bezeichnete die Rückkehr der regierenden Kreise der kapitalistischen Großmächte zu jener antisowjetischen Politik, die durch den Sieg des Faschismus, die Bildung des faschistischen Staatenblocks und den Zweiten Weltkrieg unterbrochen worden war.

Befreiung

Auf ihrem schwer errungenen Weg von den Ufern der Wolga und den Küsten der Normandie in das Innere des Deutschen Reiches hatten die Soldaten der Alliierten Millionen Menschen aus der Gewalt der Eroberer befreit, Franzosen und Russen, Belgier und Weißrussen, Luxemburger und Balten, Niederländer, Ukrainer und Polen. Für sie alle hatte das Wort Befreiung einen unzweideutigen, im Wandel ihres Alltags sofort spürbaren Sinn. Von vielen war die Last der Jahre währenden Todesdrohung genommen. Manche sagten, ihnen sei das Leben ein zweites Mal geschenkt worden.

Indessen veränderte sich die Situation für die Befreier, als sie die Reichsgrenzen überschritten. Bis dahin waren sie begrüßt, gefeiert, von frommen Menschen bekreuzigt und gesegnet worden. Nun also Deutschland, das Land, dessen Politik, gestützt auf die Massenaktion seiner Bewohner, so viel Unheil angerichtet hatte. Über die Grenzen wurden Gefühle des Hasses, der Revanche und der Rache mitgenommen, in ihrem Grad vielfach abhängig von dem Leid, das denen und ihren Nächsten widerfahren war, die nun hoffen konnten, daß sie den Tag des Sieges erleben würden.

Und die Deutschen? Wenn sie nicht wußten, so ahnten sie doch, was ihnen geschehen würde, wenn nun eine Abrechnung erfolgte, die den Finger auf jeden Posten legte und Gleiches mit Gleichem vergalt. Das Gefühl des Befreitseins konnte nicht aufkommen. Nicht bei denen, die Haus und Hof hatten verlassen müssen, nicht bei den anderen Millionen, die den Weg in die Kriegsgefangenschaften anzutreten hatten, nicht bei den Millionen "kleinen" oder sich nun kleinmachenden Nazis, die damit rechnen mußten, daß von ihrer Rolle die Rede sein würde und nicht folgenlos. Und selbst jene, die von Krieg und Kriegsfolgen kaum etwas zu spüren bekommen hatten, sahen ungewiß und beklemmt in die Zukunft.

Wer diese subjektive Befindlichkeit des Frühjahrs 1945 zum Maßstab für die Beurteilung des Geschehens nimmt, dem mag der Begriff Befreiung nur für die Insassen von Konzentrationslagern, die politischen Häftlinge in Zuchthäusern und Gefängnissen und für die im Reich befindlichen Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeiter taugen. Und so und nicht anders wurde er auch in der Bundesrepublik über Jahrzehnte allein gelten gelassen, während in der DDR der 8. Mai als "Tag der Befreiung" zum staatlichen, das hieß, zum arbeitsfreien Feiertag erklärt wurde und das blieb, bis er beim Übergang zur Fünf-Tage-Arbeitswoche wieder aufgehoben wurde.

Eine gewisse Hoffnung

Im ostdeutschen Staat galt die Zerschlagung des Naziregimes als die aus eigenen Kräften nicht erreichte Befreiung aus dem Leben in einem verbrecherischen Staat (und das bedeutete, wo Widerstand nicht geleistet wurde, Mitwirken), als die Aufhebung der Perspektive, in dieser oder jener Weise Täter zu sein bei der Errichtung eines Europa unterm Hakenkreuz, zu funktionieren und - in welchem Umfang auch immer - zu profitieren vom Sklavendasein von Menschen anderer Völker, denen Lebensrechte und -möglichkeiten nach faschistischen (rassistischen) Maßstäben und Nützlichkeitserwägungen zugemessen oder völlig entzogen werden würden.

Befreiung wurde hier von mehr und mehr Menschen verstanden und als Kennzeichnung in dem Grade angenommen, wie sich Wissen und Einsichten in die Geschichte verbreiteten, ohne daß viel von deren "Bewältigung" dahergeredet wurde. So blickte auch eine Minderheit in der Bundesrepublik, aufgeklärte, insbesondere antifaschistisch gesonnene und aktive Kreise, in das Jahr 1945 zurück. Und der 40. Jahrestag des Kriegsendes gab dem seinerzeitigen Staatsoberhaupt der westdeutschen Republik Anlaß und Gelegenheit, in einer vielbeachteten Rede über die bis dahin vorherrschende Enge und Subjektivität des Geschichtsverständnisses hinauszugehen.

Zwanzig Jahre später hat diese Betrachtung eine Modifikation erfahren, die sie partiell zurücknimmt. Der Begriff Befreiung wird von vielen seiner ehemaligen Gegner inzwischen nicht mehr befeindet, vorausgesetzt, er wird ausschließlich für die Rolle der Westalliierten (Befreier) und die Bewohner der von ihnen besetzten Zonen (Befreite) angewendet. Die seit 1990 staatsoffizielle Geschichtslegende von den kommunistisch unterworfenen Deutschen im Osten, die aus einer Diktatur in die nächste geraten seien und sich erst mit einer 45 Jahre betragenden Verspätung durch eine "friedlichen Revolution" (die Helden von Leipzig) zu befreien vermochten, soll nicht beschädigt werden, und das erforderte die Unterscheidung zwischen Befreiten und Besetzten. Die Konjunktur, die dieses Bild seit anderthalb Jahrzehnten erlebt, scheint indessen im Abflauen begriffen. So besteht eine gewisse Hoffnung, daß sich die Auffassung von der Befreiung aller Deutschen, bewirkt freilich nahezu ausnahmslos ohne ihre Zutun und massenhaft gegen ihren Willen und ihr Hoffen, doch durchsetzen wird.

l>